von Franz Schneider (Mitglied Monetative e.V.)
Natacha Polony, bekannte französische Journalistin und Essayistin, gibt seit Dezember 2025 die Vierteljahreszeitschrift l’Audace! heraus. In der unlängst erschienenen zweiten Ausgabe März 2026 stößt man auf einen interessanten Aufsatz zum Petrodollar und die schiere Dollargeldmenge. Autor ist Maroun Eddé, Franzose mit libanesischen Wurzeln, Philosoph, Investor, Strategieberater und Essayist. Der Aufsatz trägt den Titel „Der König Dollar – die Herren des leichten Geldes“ (Le dollar roi – les seigneurs de l’argent facile).1
Der kritische Blick des Franzosen Eddé auf den Dollar ist nichts Ungewöhnliches, denn bisher taten sich besonders Franzosen in dieser Rolle hervor. Eine grundsätzliche Bemerkung vorneweg. Das, was Eddé an Frankreich beispielhaft aufzeigt, hat in gleichem oder ähnlichem Maße Geltung für viele andere Länder. Aber nicht für alle.
Eddé betont, dass im Jahr 2000 die gesamte auf unserem Planeten zirkulierende Dollargeldmenge 1000 Milliarden betrug. Von 2000 bis 2008 lag das durchschnittliche weltweite Wirtschaftswachstum bei 3% im Jahr. Die Dollargeldmenge wuchs in diesem Zeitraum in gleichem Maße. Dann weist er auf die explosionsartige Entwicklung der US-Geldmenge M1 seit 2008 hin, also die flüssigsten Zahlungsmittel. Konkret geht es um den Bargeldumlauf (Scheine und Münzen), die Sichtguthaben auf dem Girokonto und das Tagesgeld. Von 2008 bis 2012 wurden von der Zentralbank der USA, der FED, mehr Dollar geschöpft als seit dem Jahr ihrer Gründung 1913. Von 2008 bis 2025 stieg die Dollargeldmenge M1 von 1600 Milliarden auf 21000 Milliarden. Covid 2020-2023 eingerechnet. Das ist das 13,13 fache.
Hier hat also innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums im 21. Jahrhundert ein Geldmengenzuwachs an Dollar stattgefunden, wie es ihn noch nie in der Geschichte gegeben hat. Normalerweise ist er mit einer Hyperinflation verbunden. Bis 2022 blieb die Inflation jedoch stets unter Kontrolle und bewegte sich sogar um Null. Von welchem Inflationsbegriff hier die Rede ist, wird noch zu klären sein. Tatsache ist jedenfalls nach Eddé, dass diese revolutionäre Geldmengenausweitung offenbar keine “sichtbaren” Effekte hatte. Die Medien nahmen von ihr nur wenig Notiz.
Da Eddé den Fokus auf den Dollar und die FED legt, spielen Euro und EZB nur eine marginale Rolle in seinen Überlegungen. Schauen wir uns dennoch zum Vergleich die Eurozone an. Hier stieg die Eurogeldmenge M1 von 2008 bis 2025 von ca. 4 Billionen Euro auf über 11 Billionen Euro. Das entspricht dem 2,75 fachen. (Erläuterung: einige Fragezeichen, die sich bei den Vergleichszahlen ergeben mögen, erklären sich dadurch, dass es in den USA 2008 noch deutliche Unterschiede in der Behandlung von bestimmten Spareinlagen oder Geldmarktkonten gab. Sie flossen teilweise in M2, aber nicht in M1.
Nun stellt sich die Frage, woher diese riesigen Dollargeldmengen kommen. Maroun Eddé erinnert daran, dass der amerikanische Präsident Richard Nixon 1971 gezwungen war, die Goldbindung des Dollars aufzuheben. Sie galt seit dem 27. Dezember 1945. Das war der Tag, an dem das Bretton-Woods-System in Kraft trat. Gleichzeitig erfolgte die Gründung des Internationalen Währungsfonds IWF und die Weltbank. In diesem System entsprachen 35 US-Dollar einer Feinunze Gold (etwa 31,1 Gramm). Alle übrigen Währungen waren mit einem prinzipiell festen Wechselkurs an den Dollar gebunden. US-Dollar konnten bei der US-Zentralbank, der FED, von anderen Zentralbanken in Gold eingelöst werden.
Welche Handlungslogik diesem Ereignis zugrunde liegt, erfahren wir von Andreas Liedtke2. Er ist Rechtsanwalt und Redakteur mit zahlreichen Publikationen beim Ludwig von Mises Institut Deutschland. Die handlungslogische Betrachtungsweise, auch Praxeologie genannt, geht auf den wichtigsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie Ludwig von Mises (1881-1973) zurück. Handlungslogisch lässt sich die Aufkündigung des Goldstandards entweder als “eine feindliche Handlung” oder, abgemildert, als “Vertragsbruch” bewerten. Im ersten Fall würde eine “Täuschung” vorliegen, “um einem anderen einen Vermögensnachteil zuzufügen”. Im zweiten Fall handelt es sich um eine “freiwillige Vereinbarung”. Deshalb liegt hier “keine feindliche Handlung, aber eine rechtswidrige” vor. Welche Interpretation eher zutrifft, möge jeder selbst entscheiden. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass Nixon von einer “zeitweiligen” Aufhebung der Konvertierbarkeit von Gold in Dollar sprach, wobei es bis heute geblieben ist.
Maroun Eddé erkennt, dass die Aufkündigung des Goldstandards zu einem für die USA äußerst ungünstigen Moment erfolgen musste. Ein Weiter so wie bisher, d.h. Dollar emittieren ohne Rücksicht auf eine Deckung durch eine ausreichende Goldmenge, war ausgeschlossen. Erst recht nicht mehr, als der französische Präsident Georges Pompidou 1971 Kriegsschiffe einsetzte, um Goldreserven aus den USA zurückzuholen. Hinzu kam, dass die Finanzierung von Weltraumprojekten der NASA im Rahmen des Wettlaufs ins All mit der Sowjetunion und die immensen Kosten des Vietnamkriegs in der 1960er Jahren riesige Dollargeldmengen erforderlich machten. Um den drohenden Absturz des Dollars zu verhindern, wurde 1974 eine Lösung gefunden, ein “Juwel an Einfallsreichtum”, wie es Eddé ironisch formuliert, der Petrodollar.
Was war geschehen? 1973 – auf die weitere Vorgeschichte wird hier verzichtet – kam es zum Jom-Kippur-Krieg vom 6. bis 26. Oktober (Jom-Kippur = jüdischer Feiertag am 6. Oktober). Ägypten und Syrien wollten die im Sechs-Tage-Krieg 1967 verlorenen Gebiete – insbesondere die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen – militärisch zurückgewinnen. Die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Länder (OAPEC) drosselte bewusst die Fördermengen um etwa 5 %, um die westlichen Länder, die Israel unterstützten, unter Druck zu setzen. Die USA traf es besonders hart, da gegen sie (und die Niederlande) ein Lieferboykott verhängt wurde. Es kam zu einer Vervierfachung der Ölpreise und einer Stagflation in den USA. Im März 1974 wurde das Öl-Embargo gegen die USA für beendet erklärt. Wie es genau dazu kam, dass das saudi-arabische Öl in US-Dollar fakturiert werden musste, lässt sich nicht genau ermitteln. Es ist nicht übertreiben, hier von einem “Mysterium um Petrodollar” (Spiegel 21/1974) zu sprechen. Die USA und Saudi-Arabien sollen schon 1972/73, also ein Jahr nach dem offiziellen Ende der Goldkonvertibilität des US-Dollars eine informelle Vereinbarung getroffen haben. Ein schriftliches Abkommen liegt jedenfalls nicht vor. Als Gegenleistung hätten die USA militärische Unterstützung an Saudi-Arabien ausgesprochen. Offizielle Nachweise über eine solche Vereinbarung gibt es nicht. (Wikipedia) Aus Äußerungen von Außenminister Kissinger 1975 wissen wir, dass die USA auch nicht vor Gewaltanwendung gegenüber anderen widerspenstigen OAPEC-Staaten zurückgeschreckt wäre. Diese schlossen sich schließlich Saudi-Arabien an. Die Komplexität der Situation wird noch dadurch erhöht, dass auch die Rolle der Sowjetunion mitbedacht werden muss.
Die Schlüssigkeit der Argumentation Maroun Eddés hängt sicherlich nicht davon ab, das “Mysterium um Petrodollar” völlig aufzudröseln. Entscheidend ist, dass sich in der Vorgehensweise der USA eine sich verschärfende Kontinuität ihrer Handlungslogik feststellen lässt. Von einer freiwilligen vertraglichen Vereinbarung kann hier keine Rede sein. Hier geht es um Täuschung. Nixon hatte seinen Finanzminister William Simon angewiesen, die informellen Vereinbarungen zwischen den USA und Saudi-Arabien “streng geheim” zu halten. Niemand sollte davon erfahren, weder die anderen Golfstaaten noch die europäischen Verbündeten.3
Das Urteil des weiter oben erwähnten Handlungslogikers Andreas Liedtke (a.a.O.) über das “Macht-gedeckte Geld Petrodollar” ist unmissverständlich: “Nach dem Wegfall der Gold-Deckung wurde der Dollar indirekt durch die Möglichkeit gedeckt, feindliche Handlungen durchzuführen, also durch militärische Macht. Die Grundlage für den US-Dollar als Welt-Reservewährung ist die Akkumulation von Macht, andere dazu zu bewegen, in Dollar zu fakturieren. Entweder durch militärische „Schutzversprechen“ oder auch durch subtile, implizite Drohungen. Hierbei handelt es sich um die Instrumentalisierung des Potenzials, feindliche Handlungen durchzuführen, nämlich Kriege, Regimewechsel oder „Farb-Revolutionen“, Bürgerkriege oder dergleichen gegenüber Widerwilligen einzusetzen beziehungsweise anders herum botmäßige Regime gegen Widersacher von innen und außen zu stützen.”
Das “Meisterwerk der Erfindungsgabe” oder das “Glanzstück der USA” stellt für Eddé der “Petrodollar” dar. Immer dann, wenn irgendwo in der Welt Erdöl gekauft wird, sind die Käufer gezwungen, Dollar zu kaufen. Die ständige Nachfrage nach Dollar ist damit garantiert. Die Verkäufer wiederum legen die Dollarerlöse im sichersten Wertpapier der Welt, in US-Staatsanleihen, an. Das führt dazu, dass die USA “das einzige Land der Welt sind, das seine eigenen Schulden mit seinem geschöpften Geld zurückkaufen kann”. Ein einzigartiges Privileg weltweit. Das Dollar-Privileg als oberste Reservewährung, das der französische Staatspräsident Giscard d’Estaing schon 1965 als “exorbitantes Privileg” heftig kritisierte.
Zur Untermauerung der Argumentation Eddés: die Höhe der Staatsverschuldung der USA betrug im März 2026 39.065.421 Millionen Dollar.4
Das Privileg dient den USA dazu, zu geringsten Kosten die ständigen Außenhandelsdefizite im Gegensatz zu allen anderen Ländern zu finanzieren. Die Finanzexperten Myron Scholes und Ashwin Alankar von Janus Henderson Investors stellen fest: “Die Vorteile des Status des US-Dollars als Reservewährung haben einen Preis. Diese Kosten werden mit einem Handelsdefizit bezahlt.”5 Diese Tatsache sollte genügen für die Behauptung, dass sich in der Argumentation Maroun Eddés eine handlungslogische Stringenz US-amerikanischer Geldpolitik von historischem Ausmaß feststellen lässt.
Warum, fragt der Verfasser, haben die USA 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods das internationale Zahlungsmittel Bancor abgelehnt? Es sollte dazu dienen, die Ungleichgewichte zwischen den Handelsbilanzen von Überschuss- und Defizitländern abzubauen. In aller Kürze lässt sich das Bancor-System als ein Solidaritätsmechanismus zwischen schwachen und starken Volkswirtschaften beschreiben. Für die USA kam diese Option nicht in Frage. Sie wollten die Dominanz des US-Dollar als globale Leitwährung sichern. Deshalb bevorzugten sie – wie zumindest unter Geldökonomen allgemein bekannt – den amerikanischen Entwurf von Harry Dexter White mit einem Leitwährungssystem auf der Basis eines goldgedeckten US-Dollars. Wie dieses endigte, hat dann 1971 die Welt von Nixon erfahren.
Darüber, mit welcher Vehemenz die USA die Dollardominanz bis auf den heutigen Tag verteidigen, lässt Eddé keinen Zweifel aufkommen. Diejenigen, die sich dem amerikanischen Diktat widersetzten und ihr Erdöl in einer anderen Währung verkaufen wollten, trafen auf den härtesten Widerstand der USA. Sie konnten alle ihr Ziel nicht erreichen: Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi, Hugo Chávez, Nicolas Maduro. Ihre Schicksale sind bekannt.
Nun kommt Eddé zu seinem eigentlichen Anliegen. Er stellt folgende Frage: Wieso führen die riesigen geschöpften Geldmengen von US-Dollar nicht zur Inflation in den USA?
Zur Erklärung weist er zunächst auf das Jahr 2008 hin. Zur Bewältigung der Subprime-Immobilienkrise wurden 700 Milliarden in das Finanzsystem geleitet, ohne dass diese Liquiditätshilfe direkt der Realökonomie zugutekommen sollte. Die durchaus kritisierte Entscheidung wurde mit der “Dringlichkeit in Krisenzeiten” gerechtfertigt. Hinter der Entscheidung stand Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank Federal Reserve (FED) von 2006 bis 2014.
Der gleiche Ben Bernanke hatte im Jahr 2010 eine Idee, die die “weltweite Geldordnung verändern sollte”. Sie knüpfte an die Maßnahmen von 2008 an, um sie von nun an zu verstetigen. Die zusätzlichen Hunderte von Milliarden Dollar, die bisher in Krisenzeiten von der FED geschöpft wurden, sollten nun jedes Jahr geschöpft werden. Der Unterschied sollte darin bestehen, dieses Geld nicht mehr an die “größtmögliche Anzahl von Adressaten in der Wirtschaft” zu verteilen – was zur Inflation führen würde – sondern, wie das schon 2008 geschah, “nur an sehr wenige Personen”.
2008, so Eddé, habe man die Maßnahmen noch “fälschlicherweise” als “monetären Keynesianismus” dargestellt. Man tat so, als handele es sich um die Überwindung einer zeitlich begrenzten Krise. Das sollte sich für die nächsten 15 Jahre ändern. Gemeint ist der Zeitraum von 2010 bis 2025, dem Eddé seine besondere Aufmerksamkeit widmet.
Eddé fragt, was “die wenigen Personen” mit dem Geld machten. Will heißen, was machten einige wenige “Banken und Fonds” mit den riesigen Dollarmengen, die die FED nun jedes Jahr schöpfte? Was taten sie entgegen der “offiziellen Mission aber ohne Verpflichtung”, die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen? Sie zogen es vor, das Geld für sich zu behalten, um “ihre Aktien zurückzukaufen” und “Unternehmen und Immobilien” zu erwerben. Die Geldmengen blieben also bei den “Intermediären”. Diese entledigen sich des mühevollen Studiums vieler Tausender Anträge von Studenten- und Immobilienkrediten. Dafür reichten sie das Geld an “einige Milliardäre” weiter, die damit den Wert ihrer Unternehmen steigern konnten, die sie schon besitzen. “Das ist das Kunststück, das erlaubt, die Inflation zu umgehen”. Die “Ausnahme” von 2008 wurde nun zur “Norm”. “Der Dollar wurde von einem Instrument makroökonomischer Stabilisierung in ein gefährliches Werkzeug missbräuchlicher Aneignung von Vermögen im weltweiten Maßstab umgewandelt”.
“Die Mechanik ist einfach”. Die FED “schießt ohne präzisierten Investitionszwang Liquidität in die Bilanz von etwa 20 Banken und Finanzinstituten”, den sogenannten “primary dealers”, so Eddé. Die Banken hatten zuvor Staatsanleihen erworben und die FED hat diese dann gegen die Zurverfügungstellung von Liquidität zurückgekauft. Dabei ist es äußerst wichtig, sich klarzumachen, dass diese Reserven hochliquide Buchgelder sind. Sie existieren also nur digital auf den Konten der Banken und Institute bei der Zentralbank. Sie bieten die notwendige Liquiditätssicherheit, um auch sehr große Kreditvolumina zu vergeben. Dieser gesamte Vorgang ist wohl gemeint, wenn Eddé davon spricht, dass “der allergrößte Teil dieses geschöpften Geldes automatisch zu den ‘sieben Herrlichen’ geleitet wird”. Also letztlich in Form von Mega-Krediten bei Tesla, Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta Platforms, Nvidia landet. Durch ihre schiere Unternehmensgröße und den schon vorhandenen Unternehmenswert kommen diese in den Genuss solcher Kredite.
Die Banken setzen dabei auf die Steigerung des Ertragswertes der genannten Unternehmen durch ihre massiven Investitionen in die Künstliche Intelligenz. Eddé bezeichnet diese Begünstigung als “Mehrwert” (le surplus). Er ist die Ursache für die “tatsächliche Bereicherung” und die damit verbundene enorme Steigerung der Börsenwerte. Eddé dürfte mit dieser Einschätzung richtig liegen. Offenbar profitieren Bankgiganten wie JP Morgan bis zur Stunde von solchen Mega-Krediten, die sie vergeben. Es ist also nicht verwunderlich, dass man im Handelsblatt vom 14.4.2026 von Hanna Krolle erfährt: “US-Großbanken profitieren von starkem Handelsgeschäft. JP Morgan legt das zweitbeste Quartal der Geschichte hin. Auch Wells Fargo und Citigroup steigern ihre Gewinne.” Von Januar bis März stiegen die Erträge von JP Morgan um 50,5 Milliarden US-Dollar.6 Nachstehend die Zahlen der jährlichen Nettoerträge von JP Morgan in USD: 136,4 (2015), 118,7 (2014), 105,7 (2013), 100,1 (2012).7 Wir können also auch längerfristige Unternehmenswertsteigerungen feststellen.
Eddé zeigt an einem eindrucksvollen Beispiel, mit welcher durchaus brutalen Vorgehensweise die Finanzierung eines Riesenunternehmens wie Tesla erfolgte. Im November 2025 kündigte Großaktionär Elon Musk an, dass seine Aktionäre ihm eine Belohnung von 1000 Milliarden Dollar versprechen, wenn es ihm gelänge, den Unternehmenswert um das Fünffache zu steigern.
Am 3. Januar 2026 nahmen die USA den Präsidenten Maduro fest und sicherten damit den Zugang zum venezuelanischen Erdöl. Zwei Wochen später veröffentlichte Tesla seine Jahresergebnisse. Trotz der enttäuschenden Verkaufszahlen der E-Autos setzte Tesla seinen schwindelerregenden Aufstieg fort. Der Wert des Unternehmens stieg auf 1500 Milliarden Dollar. Das entspricht der Hälfte des französischen BIP. Tesla ist bekanntermaßen ein breit aufgestelltes diversifiziertes Unternehmen, dessen Aktivitäten weit über die E-Auto-Produktion hinausreichen. Zu nennen sind hier etwa die 10 Milliarden prognostizierten humanoiden Roboter bis 2040, Solarmodule, eine eigene Chip-Produktion, um nur einige Beispiele zu nennen. Da bieten sich enorme Wachstumschancen. Tatsache ist, dass sich durch den ungehinderten Zugang zum venezuelanischen Erdöl die Liquidität der US-amerikanischen Geld- und Finanzinstitute erheblich verbesserte. Durch den verstärkten Zugriff auf zunehmende Finanzströme konnten Unternehmensfinanzierungen erheblich ausgeweitet werden.
Nach Eddé findet eine “Privatisierung des Geldes” statt. “König Dollar” ist zu einem “privaten monetären Keyenesianismus mutiert”. Das Geld ist in den Taschen einiger Weniger “an der Spitze” konzentriert. Ben Bernanke wurde fürstlich belohnt. Nach dem Weggang von der FED 2014 wurde er vom größten Hedgefonds der Welt, Citadel, rekrutiert. Er verwaltet 67 Billionen US-Dollar (Stand April 2026). Und 2022 wurde Bernanke mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Die gegenwärtige FED bleibt in der Spur von Bernanke. Die in einer kurzen Zwischenphase von seinem Nachfolger Jerome Powell vorgenommene Bilanzreduzierung (Quantitative Tightening) 2019 wurde sehr schnell wieder von diesem zurückgenommen. Hunderte von Hedge Funds standen kurz vor der Pleite. All das erfahren wir von Eddé.
Als einige Monate später Covid ausbrach, hat Powell Geldmengen geschöpft, von denen sogar Bernanke nur träumen konnte. Auch diese haben nur einigen Wenigen genutzt. Das Vermögen von Elon Musk wuchs während der Covid-Periode um 150 Milliarden Dollar. Eddé gesteht zu, dass die Geldverteilung durch die Europäische Zentralbank (EZB) “ein wenig besser” funktioniert habe. Das zeigt, dass er mit deren Arbeit keineswegs zufrieden ist. Auf diesen Aspekt geht Eddé am Ende seines Textes noch einmal kurz ein.
Und schließlich kommt Eddé zu seiner zentralen Frage, auf die der gesamte Text abzielt: “Warum sieht man so wenig Inflation?” Er stellt klar, dass es eine Konsumgüter-Preisinflation und eine Inflation der Bilanzaktiva, also der Vermögenswerte”, gibt. Unter letzteren führt er Immobilien, Grundstücke und Unternehmen (Aktien) an. “Ehemals” habe die FED beide Inflationsindexe öffentlich mitgeteilt. Bei dem Verbraucherpreisindex sei das immer noch der Fall, nicht aber beim Index der Vermögenspreise.
In dieser Tatsache, dass die Vermögenspreisinflation aus dem Blickfeld genommen wird, sieht Eddé den Kern (le coeur) des weiter oben erwähnten “Kunststücks”. Er beschreibt diesen Kern so. “Wenn der multinationale Vermögensfonds BlackRock Hunderte von Milliarden Dollar erhält, steigen die Preise der Tomaten um keinen Cent.” Die Milliarden Dollar erhält BlackRock von den Tech-Giganten, die dort ihr Geld anlegen. Und zwar sowohl unter Anlage- als auch Finanzierungsaspekten. BlackRock kauft Aktien, Grundstücke und Immobilien. Deren Preise steigen. Eddé erwähnt den S&P 500, den wichtigsten Aktienindex weltweit. Er umfasst die 500 größten börsennotierten Unternehmen der USA. Die derzeit wertvollsten Unternehmen der Welt sind die KI-Giganten NVIDIA, Apple Inc., Microsoft Corp., Alphabet Inc. (Muttergesellschaft von Google und YouTube), Amazon.com. In vergleichbarer Weise treibt BlackRock die Preise von Luxusimmobilien in Paris, Nizza und Courchevel (Savoyer Alpen) in die Höhe.
Seitdem die Entscheidung in der FED gefallen sei, die Währungsreserven zu verzehnfachen, sei die Inflation der Aktiva aus dem Blickfeld verschwunden. Die Behauptung Eddés zu einem “ehemals” vorhanden offiziellen staatlichen Vermögenspreisindex lässt sich nicht genau verifizieren. Tatsache aber ist, dass es bei der FED derzeitig – wie übrigens auch bei der EZB – keinen offiziellen staatlichen Vermögenspreisindex wie den Verbraucherpreisindex gibt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein solcher Index die Zinspolitik von Zentralbanken unter erheblichen Rechtfertigungsdruck setzen würde. Unter diesen Bedingungen ist es wenig erstaunlich, dass die Vermögenspreisinflation für die breite Öffentlichkeit unter Verschluss bleibt.
Dadurch bleibt nach Eddé unbemerkt, dass die amerikanischen Fonds vor Kapital überlaufen. Auf diese Weise findet eine stille “langsame Enteignung” statt. Sie ermöglicht nämlich den Fonds, nach und nach große französische Unternehmen, Familienunternehmen eingeschlossen, zu erwerben. In zwanzig Jahren ist BlackRock in der Tat der größte Aktionär des CAC 40 geworden (der wichtigste Aktienindex der 40 größten französischen Unternehmen an der Pariser Börse).
Eddé betont auch hier – wie schon weiter oben erwähnt –, dass es sich um “neues Geld” (argent nouveau), also frisch von der FED gedrucktem Geld handelt, das die Fonds zum Überlaufen bringt. Es verursacht allgemeine Verarmung und langsame Enteignung. Mit dieser Betonung der stark gehebelten Fremdfinanzierung (Leveraged Buyout oder LBO) insbesondere der Tech-Giganten, verursacht durch den lukrativen massiven Ausbau der KI-Infrastruktur, dürfte Eddé Recht haben. Die Hebelungen erreichen historische Rekordwerte.7
Vermutlich ergibt sich aus dieser Darstellung Eddés auch eine Antwort auf die Frage, die sich Joseph Huber, Vordenker des Vollgeldes, in einem Mailaustausch vom 10.4.2026 mit dem Verfasser stellt: “Bezüglich des Problems Asset Inflation muss man leider wiederholen, dass das auf alle Industrieländer weltweit zutrifft, auch auf Schwellenländer, und auf Entwicklungsländer sowieso. Eine Frage, die sich mir dabei schon länger stellt, die ich aber noch nicht so recht beantworten kann, geht dahin, welche Rolle es spielt, ob die Erstverwendung neu geschöpften Geldes direkt in Nicht-BIP-Finanzen fließt, oder ob die Mittel zuerst in BIP-Finanzen (die Realwirtschaft) fließen, sei es investiv oder konsumtiv, und erst danach in relevanter Größenordnung in Nicht-BIP-Finanzen angelegt werden. Das müsste empirisch-analytisch mal aufgedröselt werden. Keine triviale Aufgabe.”
Eddé macht auf ein immer weiter um sich greifendes Phänomen aufmerksam. Er fasst es so zusammen: “Konsumieren ist immer möglich, wenn auch schwieriger. Aber Eigentümer zu werden wird quasi unmöglich”. Die Mehrheit hat keinen Zugang mehr zum Eigentum. Wohnungseigentum in den Zentren der großen Städte ist nur noch für die “Herren der neuen Geldordnung” möglich. Die Mehrheit wird in die Peripherie verdrängt. Außer für diejenigen, die im Dienst der Kapitalinteressen tätig sind – Banker, Wirtschaftsanwälte, Strategieberater – lohnt sich Arbeit nicht mehr wirklich. Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann ist abzusehen, dass alle westlichen Länder von verarmten Lohnabhängigen und Mietern werden, abhängig von denen, die dabei sind, “die Welt aufzukaufen”.
Die riesigen Machtgefälle, die durch die “amerikanischen Gelddruckmaschinen” erzeugt werden, verdeutlicht Eddé an amerikanischen und französischen Unternehmen. Einem Unternehmenswert von Renault von 10 Milliarden steht ein solcher von 1500 Milliarden von Tesla gegenüber, 50 Milliarden der französischen Bank Société Générale stehen 1000 Milliarden von J.P. Morgan gegenüber. Diskrete Aufkäufe an der Börse werden da bevorzugt. Image schädigende feindliche Übernahmen werden vermieden.
Angesichts der Tatsache, dass die USA ihre Währung “vergiftet” haben und damit ein Geldsystem installiert haben, das dazu dient, “die Welt aufzukaufen”, zieht Eddé eine eindeutige Konsequenz: “Es muss möglich sein, das nicht mehr hinzunehmen”. Er gesteht zu, dass sich hieraus “schwindelerregende Fragen in Bezug auf den Euro” ergeben, aber die Zeit drängt. Es müsse Schluss sein damit, dass Wohnungen und “strategische Unternehmen”, wie das schon bei Alstom geschehen ist, “so leicht zum Verkauf angeboten werden können”. Der Staat müsse wieder die Möglichkeit bekommen, “seine strategischen Aktiva zu schützen”. Ein Unternehmen wie Électricité de France dürfe nicht zum Verkauf anstehen.
Eddé fordert die Schaffung “eines tatsächlich souveränen Staatsfonds” auf EU-Ebene, der in der Lage ist, in “unsere Unternehmen” zu investieren, um den Aktienbesitz zu stabilisieren und so zu verhindern, dass die Unternehmen unter amerikanische Kontrolle geraten. Die EZB könne ja genauso wie die FED Geld schöpfen. Eine Notwendigkeit, sich bei amerikanischen Banken zu verschulden, bestehe grundsätzlich nicht. Worauf es ankomme sei, dass wir “aus der Perversität eines Systems aussteigen müssen, das die Amerikaner kopiert”. Das heißt, dass das geschöpfte Geld an die “größtmögliche Anzahl verliehen wird”. Nur auf diese Weise könne das Geld tatsächlich in der Gesellschaft nach unten sickern (Sickertheorie) und bleibe nicht bei den Intermediären blockiert.
Sollten die USA nicht erkennen, welchen “Gewittersturm” sie seit 2010 anrichten, riskieren sie den Zusammensturz der auf dem Dollar basierenden Weltfinanzordnung, so Eddé. Trump habe im September 2024 selbst erklärt, dass es “schwierig” sei, die 37 000 Milliarden Dollar Schulden zurückzuzahlen. Mit Recht setzt Eddé hinter den Hinweis, dass Trump die Gläubiger mit Bitcoin bezahlen wolle, ein Fragezeichen. Das ist ein eigenes Thema. Die Einschätzung Eddés zum Schicksal des Dollars ist, zumal unter den gegenwärtigen chaotischen Zuständen in der Straße von Hormus, alles andere als aus der Luft gegriffen.8
Zum Abschluss noch einige Erläuterungen, die für das leichtere Verständnis der Argumentation Eddés hilfreich sein dürften. Wenn er von Dollar spricht, dann ist damit der Petrodollar gemeint. In den bisherigen Ausführungen wurde deutlich, dass dieses System im Kern auf einer Nichtangriffs-Garantie der USA gegenüber den Golfstaaten aus dem Jahr 1974 beruht. Darüber, wie der Petrodollar genauer funktioniert, erfährt der Leser recht wenig.
Der Petrodollar ist eine Devise. Er stellt also eine Forderung auf eine ausländische Währung dar. Es handelt sich allerdings um keine Forderung auf Bargeld, sondern nur um ein Kontoguthaben in Form von Buchgeld. Devisen erlauben einen Tausch einer Eigenwährung gegen eine Fremdwährung. Während die gegenseitige Verrechnung (Clearing) nicht in den USA erfolgen muss, findet der letztendliche Geldübertrag (Settlement) in aller Regel in den USA im institutionellen Einzugsbereich der FED statt. Machen wir es noch konkreter. Der Preis des Erdöls wird in US-Dollar pro Barrel festgesetzt. Wie gelangen nun die “gesettleten” Dollar z.B. zum weltweit größten staatlichen Erdölunternehmen von Saudi-Arabien, Aramco? Es ist davon auszugehen, dass multinationale Konzerne mit globalen Interessen wie Aramco, Aral, Shell, Jet, Total, Esso usw. Konten bei den größten Investmentbanken (JP Morgan Chase, Bank of America) etc.) der USA unterhalten. Damit ist es möglich, dass die US-Dollar auf einem einfachen Überweisungsweg z.B. vom Konto von Shell auf das Konto von Aramco gelangen. Befindet sich eine amerikanische Investmentbank außerhalb der USA, wird diese als zum Einzugsbereich der FED gehörend betrachtet. Wichtig ist auf jeden Fall, dass diese Transaktionen sich innerhalb des US-Zahlungssystems (wie Fedwire oder CHIPS) bewegen.9 An US-Dollar gelangt Aramco auch durch die Ausgabe von US-Dollar-Anleihen, für die Investoren weltweit USD zahlen.10
Dass Aramco ein quasi staatliches Unternehmen mit einer 97%igen staatlichen Beteiligung ist (Stand April 2026), darf nicht unerwähnt bleiben. Es kann daher auch als Zentralbank von Saudi-Arabien betrachtet werden. Die Allgegenwart des Petrodollars ist jedenfalls gewährleistet.
1 Eddé, Maroun, Le dollar roi – les seigneurs de l’argent facile, in: l’ Audace! No2 Mars 2026, 91-97
2 Tiedtke, Andreas, Feindliches Handeln und Fiat-Geld. Eine handlungslogische Betrachtung. https://www.misesde.org/2024/03/feindliches-handeln-und-fiat-geld/
3 The untold story behind Saudi Arabia’s 41-year US debt secret
4 US-Regierungsschulden
https://de.tradingeconomics.com/united-states/government-debt
5 Scholes, Myron/Alankar, Ashwin, Trump, die Zölle und die Rolle des US-Dollar als Reservewährung. https://www.janushenderson.com/de-de/investor/article/trump-tariffs-and-the-dollars-role-as-reserve-currency/
6 US-Großbanken profitieren von starkem Handelsgeschäft https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/banken/quartalszahlen-us-grossbanken-profitieren-von-starkem-handelsgeschaeft/100215038.html
7 Geschäftsbericht 2015 der J.P. Morgan https://www.jpmorgan.com/content/dam/jpm/global/disclosures/de/deutsch-version/2015_Annual_Report_Deutsch.pdf
7 Milliardenkredite auf Chipbasis: Wie die Tech-Branche ihr KI-Wettrüsten finanziert
8 Schicksals-Währung Petrodollar: Trumps Iran-Krieg könnte die USA für immer ruinieren
https://www.fr.de/wirtschaft/schicksals-waehrung-petrodollar-trumps-iran-krieg-koennte-die-usa-fuer-immer-ruinieren-zr-94244640.html
9 Fedfire Funds Services https://www.federalreserve.gov/paymentsystems/fedfunds_about.htm
10 Fedfire Securities Services https://www.federalreserve.gov/paymentsystems/fedsecs_about.htm