Buch-Rezension: Ulrich Bindseil „Central Banking before 1800“

Central Banking before 1800 – A Rehabilitation – schon der Titel weist auf eine der zentralen Aussagen des Buches hin: Schon vor 1800 gab es Banken, die die Bezeichnung Zentralbank verdient haben. Zentralbanken im heutigen Sinne gab es nicht erst seit dem späten 19. und 20. Jahrhundert, wie manchmal behauptet wird.

Zum Beginn definiert Bindseil drei Kern-Merkmale von Zentralbanken: Erstens emittieren sie Geld von jeweils höchster Liquidität und Kreditqualität, zweitens basieren sie immer auf einer Art öffentlicher Gesetzgebung, durch die sie eine juristische Sonderstellung bekommen, und drittens erfolgte ihre Gründung immer mit einem bestimmten öffentlichen Auftrag: Zum Beispiel die Verfügbarkeit von Krediten ohne Wucherzinsen, die Finanzierung öffentlicher Haushalte oder die Stabilisierung des Finanzsystems.

Als erste Zentralbank in diesem Sinne benennt er die Bank „Taula de Canvi“, die in Barcelona von 1401 bis 1853 bestand, gefolgt von der „Casa die San Giorgio“ in Genua (1407-1815)  und dem neapolitanischen Bankensystem (1580-1800), der „Banco die Rialto“ (1587-1638) in Venedig, der „Banco di Spirito Sancto“ (1605- 1992) in Rom. Die Entwicklung begann also in Südeuropa, erste Zentralbank nördlich der Alpen war dann die Bank von Amsterdam (1609 – 1819), gefolgt von der Hamburger Bank (1619 – 1875) sowie, neben anderen, der schwedischen Reichsbank in Stockholm (1657) und der Bank of England (1694), die beide noch heute bestehen.  Auch diese frühen Zentralbanken hatten immer einen öffentlichen Auftrag, egal ob die Eigentümer privat oder öffentlich waren. Diese Aufträge reichten von der Umsetzung religiös motivierter Ziele (soziale Ziele, Verhinderung von Zinswucher), über die Förderung des Handels bis hin zur Finanzierung des Staates. Das heutige Verbot der direkten Staatsfinanzierung durch die EZB in Art. 123 AEUV ist historisch gesehen also relativ jung.

Und noch etwas fällt in der von Ulrich Bindseil mit vielen Quellen belegten Geschichte der frühen Zentralbanken auf: Sie waren immer auf eine knappe Reserve angewiesen, die sie sorgsam hüten mussten. Übertrieben sie ihre Geldschöpfung, gingen sie zu hohe Risiken ein, so konnte es sie um ihre Existenz bringen. Die Banco die Rialto in Venedig zum Beispiel hielt eine strikte 100%-Reserve, die Einleger konnten sich also jederzeit ihre Guthaben in Edelmetall auszahlen lassen. Die Bank von Amsterdam nahm diese venezianische Bank als Vorbild begann auf die gleiche Art und Weise, verlieh dann aber über ihre Reserve hinaus Geld an die Ostindien-Gesellschaft zur Finanzierung ihrer Schiffsexpeditionen und an die Stadt von Amsterdam zur Stützung ihres Haushalts in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Als dann Schiffe der Ostindien-Gesellschaft mit wertvoller Ladung gekapert wurden und auch die Stadt Amsterdam in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, brach die Bank von Amsterdam zusammen: Die Anleger hatten kein Vertrauen mehr und verlangten die Auszahlung der Reserve, die dann nicht mehr ausreichte.

Heutige Zentralbanken haben sich in zwei wichtigen Punkten von ihren frühen historischen Vorbildern entfernt: Erstens war es früher eine wichtige Rolle der Zentralbanken, ein allgemein akzeptiertes und sicheres Zahlungsmittel zu emittieren. Diese Rolle ist mittlerweile auf die Geschäftsbanken übergegangen, das heute von der Zentralbank emittierte Bargeld spielt im allgemeinen Zahlungsverkehr kaum mehr eine Rolle. Das könnte sich wieder ändern, wenn in den nächsten Jahren Digitales Zentralbankgeld eingeführt wird. Heute haben die Zentralbanken vor allem die Funktion, die geldschöpfenden privaten und öffentlichen Geschäftsbanken zu retten, wenn sie aufgrund wirtschaftlicher Krisen und übermäßiger Geldschöpfung in Schwierigkeiten geraten. Diese „Lender-of-last-resort“- Funktion haben sie auch historisch oft übernommen, das wiederum ist also nichts Neues.

Und zweitens gibt es heute keine Reserve mehr, auf die die Zentralbanken zurückgreifen müssen – sie ist schlicht und einfach gestrichen: Wer heute mit Zentralbankgeld zur Zentralbank kommt und etwas dafür fordert, bekommt einen neuen Geldschein, aber keine werthaltige Reserve ausbezahlt. Faktisches Ende der Reserve-Abhängigkeit der Zentralbanken war die Streichung der Goldbindung des Dollars 1971. Das ist für die Zentralbanken praktisch, denn sie können eigentlich nicht mehr in Schwierigkeiten kommen – sie können gemäß dem Motto „whatever it takes“ verfahren, um ein mittlerweile berühmtes Zitat des früheren EZB-Chefs Draghi aufzugreifen. Das wirft aber heute eine Vielzahl von neuen Fragen auf: Sollte Zentralbankgeld trotzdem heute noch als Verbindlichkeit verbucht werden, oder ist das mit Blick auf die historischen Wurzeln der Zentralbanken ein längst überkommenes Relikt? Und wer definiert heute die politischen Grenzen für die unabhängig gestellten Zentralbanken, die ja jetzt ohne Limit Geld produzieren können? Eine Frage, die jüngst auch das Bundesverfassungsgericht in ihrem Urteil über die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank aufgeworfen hat.  

Bei der Beantwortung dieser Fragen hilft sicher ein Blick in die Geschichte der Zentralbanken – und dafür ist das Buch von Ulrich Bindseil „Central Banking before 1800“ eine wichtige Quelle, die zum Nachdenken auch über die heutige Rolle und Verfassung der Zentralbanken anregt.

Klaus Karwat, Monetative e.V.